Langsam aber sicher verwandelt der Regen die Schneekaskaden im Garten und in der ganzen Gegend hier in Wasserlacken und Gatsch. Bin gerade durch dezimeterdicken Schneematsch von der Bushaltestelle heimgequatscht, bei jedem Schritt tief in die Soße rein mit den Stiefeln. Erstaunlicherweise gefiel mir das aber ausnehmend gut. Da ich ja ein "Witterungsfanatiker" bin, also in gewisser Weise jede Art von Wetter zu lieben imstande bin, schätze ich besonders den köstlichen Regen-Schnee-Kontrast, der nicht sehr oft in der Dimension vorkommt.
Oh, der Regen, jenes musikalische Weltenfest, das mir fast immer wohlige Schauer über den Rücken hinunterjagt; heute erinnerte es mich an die Momente vor einigen Jahren, als ich im Banne der Liebe zu einer wunderschönen jungen Frau stand und alles an seinem Platze war, alles so war, wie ich es nie zuvor wahrnahm, obwohl es nicht anders war, wie an anderen Tagen auch (als literaturgeschichtliche Referenz dieses Gefühls seien zur besseren Sichtbarmachung die Seiten 370 bis etwa 375 von Ecos "Der Name der Rose"/Taschenbuchausgabe bei dtv angegeben).
Die Liebe (bzw. die Frau, an der sie damals entflammte) kam mir abhanden, aber das, was zwischen den menschlichen Anteilen dieses Gefühles durchschimmerte, jenes Gefühl der Stimmigkeit von allem zueinander, das blitzt bisweilen auch heute noch auf, und ich danke dem Regen heute an dieser Stelle dafür, dass er mir diese paar Sekunden Zufriedenheit geschenkt hat. Und ich bin froh (und mir dafür dankbar) dass ich es gefühlt habe und es zuließ.
Glücklicherweise hat mich eine liebe Freundin gestern mit der Idee überrascht, gemeinsam heute den Film "Dogville" von Lars van Trier anzusehen, und das taten wir dann auch.
Ich hatte natürlich schon von dem Film gehört gehabt, auch davon, dass Trier in diesem Film auf den üblichen Film-Schnick-Schnack verzichtet und nur mit ganz "spärlichen Mitteln" in einem Studio mit auf den Boden aufgezeichneten Grundrissen der Häuser und Strassen die Geschichte der kleinen "Stadt" Dogville erzählt, wohl irgendwo im Amerika der 30er Jahre oder so. Die Berichte im TV - die ich noch sah, weil ich ja nunmehr wieder TV-los bin und das auch gerne bin - haben mich zwar neugierig gemacht, aber ohne meiner Freundin Susi hätte ich mir den Film heute wohl nicht angesehen - Danke an dieser Stelle an Susi.
Das Beschränken auf das Wesentliche ist in diesem Film faszinierend. Die menschlichen Abgründe und Untiefen der Bewohner von Dogville und das Licht, die schauspielerische Leistung und Dramaturgie ist in einer Weise perfekt, die ich nicht erwartet habe. Was auffällt ist die barocke Musik in dem Film (von Thelemann?), die mir meine Vermutung bestätigt, dass Trier bei aller Sparsamkeit der Ausstattung auf der Ebene der Allegorie sehr üppig daherkommt und es dem Betrachter des Films an nichts fehlt. Die drei Stunden fliegen dahin, was ich von den drei (bzw. 10) Stunden Ringschlepperei wirklich nicht behaupten kann. Selten empfand ich intelligentes und anspruchsvolles Kino als so mitreissend und spannend.
Dogville sei hiermit allen, die sich von Kino "mehr" erwarten, aufs wärmste empfohlen.