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Freitag, 9. Januar 2004
Improvisation Klappernde Speichen eines vollbeladenen Heuwagens leuchten im aufbrandenden Abendhimmelrot, als der Schmerz von siebenhundertmilliarden Fuchsaugen über die Dünen der Sehnsucht zu branden beginnt. In den Windungen der Bambusflöte beträufelt sich das Schicksal von neun Maikäfern, deren Politikverdrossenheit sich kaum vom harten Einerlei des Winterkirschenkompottes unterscheidet, das der Papst sich heute zu essen weigert. Unsere Bäcker sehen uns, sie beobachten die Bloggemeinde, und berichten der aufgebrachten Frau Schaswaberl am Samstagmorgen von unseren dunklen und düsteren Gedanken, sie kritisieren unsere Gadgets und zerreissen unsere links in der Luft. Wenn in der Einkaufstasche von Herbert Haupt nur ein halber Liter Katzenmilch, ein Stück trockenes Brot, vier Gläser mit Kapern, die neue Micky-Maus und die Kronen Zeitung ist, dann ist wieder einmal das Ende der selbstgewachsten Fahnenstange erreicht, dann stülpen sich fünfdimensionale Quader aus der Seelenkonfiguration des abgespeckten Religionsfürsten, dann wälzen sich feierliche Prozessionen zum Andenken an den dritten von rechts am Klassenfoto der sechsten Klasse über den Ring, dann werden die Volksvertreter (schon wieder) mit Stimmenmehrheit ins Parlament getrieben und der Affe von der Veranda verscheucht. Im Sandkistensubstrat unseres Geistes verscheuchen wir die Fliegen, Mücken und Traktoren, bekämpfen unsere früheren Liebeserfahrungen und gehen zu auf die Feinde der Freunde. Fußballspielend predigen wir uns selbst gar nichts. Opern des Herzens beanspruchen unsere Gefühlskälte, das schlafende Kind in der Krippe unter dem Weihnachtsbaum schreit wieder: es will endlich wieder beobachten dürfen, was an neuen Artikeln in der Presse gedruckt wird. Kaskaden von Blindtext ergiessen sich in die neuen Wellen der Journaillie, tausende Hefte türmen sich zu kilometerhohen Turmkonstruktionen und begatten den Mond in ihrer phallischen Stringenz. Oden der Liebe trällernd, versinkt unterdessen eine kleine Kanalratte im Äther des Weihrauches, erfindet sich ihre eigenen Blumen und betrachtet aus dem Fenster blickend ihr eigenes schönes nettes subtrahiertes überhöhtes Bild im Spiegel des Fensters. Online-Zeitungen herausgeben, denkt die Ratte, das wäre es. Richtig "Druck" machen und den Menschen und Tieren das geben, was ich selbst gerne, hätte - aber schon ist die Ratte tot, getötet von einem gemeinen Attentäter, und schon wieder wiedergeboren, und schon wieder tot, traurig, irgendwie. So geht das immer gleiche Lied der Welt über die Bühne des Lebens im Artefaktensaal des Völkerkundemuseums, wo heute schon wieder eine Gala zu Ehren des großen Dieners der Moderne, Dr. Helmut Zilk, gegeben wird. Es soll sogar CHAMPAGNER regnen! Genug. eventuell gibt es unter Lachattakke mehr davon. > link > >
Unerwartete Selbstinformation
eventuell gibt es unter diary mehr davon. > link > >
Donnerstag, 8. Januar 2004
Johann Sebastian Bach Da dieses Weblog ja nicht nur von mir betreut und im Laufe der Zeit mit Einträgen gefüllt werden wird, sondern auch von mir selbst und den Sachen, die mich dorthintransportiert haben, wo ich heute bin handeln soll, will ich heute kurz ein erstes mal hier von meinen Erfahrungen und Erlebnissen mit dem Menschen berichten, der meine künstlerische Laufbahn wie kein anderer geprägt hat:
Johann Sebastian Bach (1685-1750)
Von meiner familiären Herkunft her bin ich kaum hochkreativkünstlerisch vorbelastet. Es gab zwar meinen Großvater, der ein ganz passabler Zeichner mit einer recht sicheren Hand war, der es im höheren Alter bis zum Postkarten-in-Öl-auf-Spanplatte-Maler gebracht hat (sein Matterhorn im Wohnzimmer ist eine meiner bleibendsten Erinnerungen an die Kinderzeit), und es gibt meinen Vater, der auch ein ziemlich kreativer Geist ist und keine Ruhe gibt, bis etwas so aussieht, wie er es sich vorstellt, und es gibt meine Mutter, die gut Schreiben kann, und es gab meine Großmutter, die eine ganz tolle Näherin war. Aus all dem lässt sich vielleicht erklären, dass ich Künstler wurde, vielleicht erklärt es sich auch am besten aus mir selbst - aber Musiker oder sehr musikalische Begabungen sind mir nicht wirklich bekannt. Als ich im Polytechnischen Lehrgang damit begann, mich mit bildender Kunst zu beschäftigen, war es der holländische Grafiker M.C.Escher, der mein "Eintritt in die Welt der Kunst" war. Ich war von seinen Bildern berauscht und hielt im Poly ein Referat über ihn. Mein Vater besorgte mir Bücher über Escher - unter anderem das Buch "Gödel, Escher, Bach" von Douglas R. Hofstatter. Für mich 15jährigen vorpubertären Hauptschulabsolventen, der bis zu diesem Zeitpunkt kaum sein Gehirn wirklich benutzt hatte, war dieses Buch eine echte Offenbarung: Denken ist ja wirklich eine tolle Sache, und es gibt da Leute, die das sogar kreativ ausfruchten! ich war neugeboren (eine meiner vielen Geburten) und begann plötzlich alles in Frage zu stellen und war für den Religionslehrer im Poly ein "blinder Fleck", den er schätzte. Meine "Bibel" war nun G.E.B. geworden, weil mir dieses Buch neue Wege zeigte und mir eine Welt öffnete, die ich bis heute nicht verlassen habe und nicht mehr verlassen will. In dieser Welt gibt es auch Musiker wie J.S.Bach, und damals, als ich Gödel Escher Bach zum ersten Mal las, waren die darin abgebildeten Noten nichts anderes als faszinierende Strukturen, und die dazugehörigen Geschichten wie aus einem Traum - ich war noch weit davon entfernt, diesen zu verstehen oder zu erahnen in seiner ganzen Dimension. Musik von Bach hatte ich kaum gehört, kaum wahrgenommen - wie gesagt, in meiner Familie ist Musik (mit Ausnahme meiner Opernbegeisterten Tante) kaum ein Thema gewesen. Erst nach Ende der Lektüre von GEB (was etwa ein Jahr dauerte) fand ich irgendwann die Zeit, mich (ich hatte nach dem Poly mit einer Ausbildung zum "freien und angewandten Maler" an der Kunstschule in Wien begonnen) mit Bach auch endlich akustisch zu beschäftigen. Ich hörte Orgelkonzerte und die 6 Brandenburgischen, war aber noch nicht so mitgerissen, wie ich es erwartet hatte. ich war dafür noch nicht wirklich bereit. Zusammen mit meinen lieben Freunden Helmut und Reinhard, die weit mehr mit Musik zu tun hatten, hörte ich dann zum ersten Mal die "Goldberg Variationen" von Glenn Gould und das "Wohltemperierte Klavier" von Keith Jarrett gespielt und begann langsam zu erahnen, was da alles in dieser Musik steckt und wie sehr sie mich fasziniert. Wirklich eingedrungen bin ich aber in das Werk von JSB erst mithilfe des Computers. Da ich selber leider kein Instrument im klassischen Sinne "beherrsche" und mich einem Klavier "nur" improvisierend ohne Noten zu nähern imstande bin, wählte ich den Weg der Transkription. Mit relativ simpler Software auf dem Commodore Amiga übertrug ich Bachs Musikstücke in digitaler Form in binäre Strukturen, die mittels Midi ein Keyboard (auch Ensembleartig) zum Klingen bringen konnten. Auf diese Art und Weise wurde ich - der Nichtmusiker - zum Bachinterpreten. Von den 7 Cembalotoccaten über alle Orgeltoccaten, Die Kunst der Fuge, Wohltemperiertes Klavier I+II, Inventionen, Sinfonias und Goldberg Variationen habe ich alles in den PC übertragen in jahrelanger Kleinarbeit. Damals verbrachte ich Nächte vor dem PC, nahm alles auf Kassette auf und drang immer tiefer in Bachs Musik ein dadurch. Der bislange Höhepunkt war meine Abschlussarbeit auf der Kunstschule, wo ich 11 Fugen aus Bachs Abschlusswerk "Die Kunst der Fuge" in bildende Kunst übertragen habe. Ich entwickelte eigene Prinzipien, die dazu in der Lage sind und habe in dem halben Jahr der Planung und den eineinhalb Monaten des Malens wie mit Bach "zusammengearbeitet". Ich spürte in meinem Rücken quasi seinen Atem und fühlte mich von ihm beschützt und geleitet wie von einem väterlichen Freund. Näher war ich vorher und nachher keiner Figur der Kunstgeschichte. Mein intimstes Erlebnis mit der Musik von Bach, war allerdings ein anderes. Etwa 7 Jahre (Bach würde sich vielleicht über die Symbolik freuen) nach meiner Abschlussarbeit war ich in Gmunden bei der Sonnenfinsternis, das war 1999. Dort war ich ein paar Tage in einer kleinen Pension, und eines Nachmittags lag ich im Bett und sah aus dem Fenster. Es war kein "besonderer" Nachmittag (mit tollen Farben am Himmel oder ähnlichem), es war nur schon leicht dämmrig, vor dem Fenster waren ein paar spärliche Zweige eines bereits vom Wind entlaubten Baumes. Es ging ein leichter Wind draussen und ich hörte im Radio (der hinter meinem Kopfe stand) ein Stück von Bach, irgendeine Sonate für Violine und Cembalo. Als ich so lag, und den Baum beobachtete, erkannte ich in einem Moment plötzlich, dass der Baum sich nicht "zufällig" im Winde bewegt. Nein: vielmehr ist jeder Ast und jeder Zweig und jedes Blatt als Reaktion auf seine Umgebung dort, wo es ist. Und daher ist auch jede Bewegung eine Reaktion und die Verhältnismässigkeiten der Abstände zueinander sind in einer Weise harmonisch, die dem Baum "bewusst" ist, und nichts anderes als dieses Bewusstsein konnte ich plötzlich "hören", wie eine Musik. Von diesen klaren Schönheiten in den Baumbewegungen überwältigt, war die Musik von Bach zunächst zurückgetreten. Als ich sie wieder wahrnehmen konnte, und sie wieder in meine Aufnahmeorgane einströmte, merkte ich, wie sich Bach mit seinen linearen/verschlungenen/emotionalen Musikstrukturen tiefst vor diesem Baum verneigt, sich in Demut vor der Natur und ihrer Harmonie als Mitspieler und Verehrer deklariert. Ich war zwischen Bach und den Baum geraten und ab diesem kurzen Moment, als ich dieses Gespräch erfuhr und wahrnahm, weiss ich, dass Bäume Musiker sind. P.S.: ich stand weder zum Zeitpunkt oben geschilderter "Vision" noch zu einem anderen bemerkenswerten Zeitpunkt meiner künstlerischen Laufbahn unter dem Einfluss von "bewusstseinserweiternden" Substanzen. eventuell gibt es unter JSB mehr davon. > link > >
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